8. Oktober 2017

Gastbeitrag: Parasite Eve

1998, ein Jahr nach der Veröffentlichung von Final Fantasy VII, erblickte Parasite Eve das Licht der Welt. Das PlayStation Spiel, das sich an dem gleichnamigen Roman von Hideaki Sena anlehnt, versucht klassische Rollenspielelemente mit den Charakteristika eines Survival Horror Spiels im Stile von Resident Evil zu vereinen. Daher wird Parasite Eve oft auch als eine Symbiose zwischen Final Fantasy und letzterem klassifiziert.


Die Grundthematik des Spiels von hoch entwickelten Mitochondrien, die von menschlichen und tierischen Körpern Besitz ergreifen, um diese zu horrenden Wesen mutieren zu lassen, und schließlich die Weltherrschaft an sich reißen wollen, knüpft an die Geschehnisse des gleichnamigen japanischen Filmes an. Weihnachtsabend 1997: Die junge NYPD Polizistin Aya Brea genießt mit ihrem Freund eine Opernaufführung. Star der Vorführung ist die Opernsängerin Melissa Pearce. Während der Veranstaltung beginnen plötzlich alle Zuschauer zu brennen - alle bis auf Aya und Melissa. Das Chaos ist perfekt, und nachdem der Saal leer ist, konfrontiert Aya Melissa mit ihrer Waffe. Melissa beginnt daraufhin eine skurrile Metamorphose durchzumachen, in deren Verlauf sich ihre Form ändert: Ihre Arme werde länger, Klauen zieren ihre Hände und ihre Füße schmelzen zu einem klumpigen schwanzartigen Etwas zusammen. Ab sofort nennt sie sich "Eve" und beteuert Aya gegenüber, dass ihre Mitochondrien auch bald erwachen, und sie zu einer höheren Lebensform umwandeln. Die überzeugte Polizistin Aya tut dies zunächst als Geschwätz ab und verfolgt Eve, um ihrem Vorhaben ein Ende zu setzen. Die Verfolgung führt sie durch Abwasserkanäle, den Central Park, historische Museen und ein Krankenhaus, in dem Aya mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert wird. Von ständigen Rückblicken und verdrängten Erinnerungen geplagt, beginnt sie sich bewusst zu werden, dass nur sie Eve aufhalten und somit eine Herrschaft der Mitochondrien verhindern kann.


Die Ereignisse von Parasite Eve finden an insgesamt sechs Tagen in der amerikanischen Metropole New York statt. Zunächst ist man sehr beschränkt in der Wahl an besuchbaren Orten. Im Laufe des Spiels werden neue Schauplätze anwählbar, sobald diese storyrelevant werden. Die Hintergründe einer Szene sind alle vorgerendert und sehr hübsch anzusehen. Wechselnde Kameraperspektiven vermitteln dem Spieler zudem eine gewisse Omnipotenz, fesseln ihn aber gleichzeitig an das Geschehen. Die Charaktere, von denen Aya der einzig spielbare ist, bestehen aus einer sehr begrenzten Anzahl Polygone, was zwar aus heutiger Sicht nicht mehr so ästhetisch anmutet, sich aber dennoch gut in das Gesamtbild einfügt. Um der Geschichte um Eve und die Mitochondrien mehr Nachdruck zu verleihen, setzte man im Hause Squaresoft auf hochwertige, filmreife Full Motion Video-Sequenzen. Die Quantität der Filmchen von über 30 Stück rechtfertigt die zwei CDs. Ein besonderes Schmankerl stellt das Intro dar, welches ein kurzes Preview über die verschiedenen Etappen im Spiel bietet.


Die Kämpfe laufen in Echtzeit ab, man kann sich also frei bewegen. Jede beteiligte Figur hat dabei eine AT-Leiste, die sich während des Kampfes auflädt. Ist selbige voll, so kann Aya eine Aktion durchführen. In Analogie zu klassischen Rollenspielen, in denen der Gebrauch von Magie sehr vertreten ist, kann Aya so genannte “Parasite Energy” benutzen. Diese lädt sich ausschließlich während des Kampfes auf, wenn man zum Beispiel von einem Gegner Schaden erleidet. Mithilfe dieser Parasitenkräfte kann Aya sich heilen, eine Barriere um sich aufbauen, oder den Gegner stark verlangsamen. Gewinnt man einen Kampf, erhält man wie in einem Rollenspiel Erfahrungspunkte und mit etwas Glück erreicht man mit der gewonnenen Anzahl den nächsten Level. Neben diversen Statuswerten und den Parasitenkräften, die Aya mit einem höheren Level erreichen kann, wird sie weiterhin mit einer überschaubaren Anzahl an Bonuspunkten belohnt. Diese kann man auf Statuswerte von Waffen und Rüstungen verteilen, oder in mehr Inventarplatz investieren. Als dritte Möglichkeit kann man den AT-Balken schneller machen, sodass man im Kampf schneller zum Zug kommt. Weitere individuelle Verteilung von Attributen ist mit sogenannten Werkzeugen möglich, die man im Spielverlauf oft in Kisten findet. Wendet man ein Werkzeug an, so kann man Effekte und Parameter einer Waffe oder Rüstung zu einer anderen transferieren. Erstere geht dabei allerdings verloren.


Auf der Jagd nach Eve erhält Aya viele Waffen: Zu ihrem Arsenal gehören Pistolen, Schrotflinten, Granatwerfer, sowie die altbewährte NYPD-Keule. Waffen zeichnen sich durch unterschiedliche Attribute aus. Dazu gehören unter anderem die Reichweite sowie die Durchschlagskraft. Zusätzlich kann eine Waffe noch Spezialeffekte vorweisen, zum Beispiel drei Schuss pro Zug, oder Handfeuerwaffen mit der Durchschlagskraft einer Flinte. Bei Westen verhält es sich ähnlich, bloß dass hier verteidigungsbezogene Werte zählen. Einziger Wermutstropfen stellt die sehr kurze Spielzeit dar. Selbst ein ungeübter Spieler schafft es in gut zehn Stunden bis zum Endgegner vorzudringen. Hat man das Spiel einmal beendet, bleibt aber noch die Option, erneut mit den aktuellen Waffen und Gegenständen von vorne zu beginnen. Im so genannten EX-Modus kann man den härtesten aller Dungeons betreten, und einem optionalen Boss gegenübertreten. Bis auf diesen Modus ist das Spiel vom Schwierigkeitsgrad nicht sehr anspruchsvoll. Ab und an hängt man etwas bei einem Endgegner, aber hat man sich mit den Fähigkeiten Ayas vertraut gemacht, sollte man auf keine großen Herausforderungen treffen.


Parasite Eve ist (und bleibt) ein faszinierendes Spiel. Entwickler Squaresoft ist es gelungen, die Atmosphäre der Thematik sehr gut an den Spieler weiterzugeben. Die tollen Zwischensequenzen runden das Erlebnis ab, so dass das Rollenspiel, obwohl es Elemente bekannter Horrorspielserien aufweist, dem von Squaresoft auf die Rückseite des Covers gedruckten Titel “The Cinemativ RPG” durchaus gerecht wird. Eine Perle, die trotz einiger Mängel problemlos weiterempfohlen werden kann, sofern man an die US-Fassung der originalen PlayStation oder PSOne Classic Download Version herankommt.

beigetragen von kyotoben

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