21. November 2017

Gastbeitrag: Threads of Fate

1999 versuchte sich Square Enix (damals noch Squaresoft) an einem PlayStation Spiel, das sich von deren herkömmlichen RPGs unterscheiden sollte. Dies war die Geburtsstunde von Threads of Fate, in Japan als Dew Prism bekannt. Die Geschichte ist zwar teilweise etwas flach gehalten und sehr linear erzählt, jedoch entfaltet sich der eigentliche Reiz durch das Gameplay und die Charakterdarstellung. Angefangen mit der Figurenauswahl bestimmt man die Storyline. Wählt man Rue, so erlebt man eine Geschichte voller Hoffnung, Liebe und Pflichtgefühl. Lustige Dialoge erlebt man höchstens in der Gegenwart von Mint, da beide sich im Spielverlauf des Öfteren über den Weg laufen. So ernst und traurig Rues Geschichte auch beginnt, erscheint einem die Handlung, die sich um die junge Zauberin Mint strickt, wesentlich grotesker. Durch ihre tollpatschige Art und ihren stetigen Wunsch, die Weltherrschaft an sich zu reißen, entpuppt sich ihre Suche nach dem [Relic] als das genaue Gegenteil zu Rues Part. Hat der Spieler Threads of Fate in der Rolle eines Hauptcharakters durchgespielt, so kann er mit demselben Speicherstand einen neuen Durchgang mit dem zweiten Charakter anfangen. Bei erneutem Durchspielen behält man nun seine gesammelten Erfahrungswerte und fängt somit von Beginn an in hochgepowertem Zustand an.


Jeder der beiden Protagonisten hat eine besondere Fähigkeit, die ihm auf der Suche nach dem [Relic] von großer Bedeutung sein wird. So hat Rue die Fähigkeit, sich in schon besiegte Monster zu verwandeln, und so von deren Fähigkeiten Gebrauch zu machen. Dafür sammelt er Monstercoins, die von besiegten Gegnern zurückgelassen werden. Gleichzeitig kann Rue allerdings nur vier aktive Monstercoins bei sich haben, da ein neu gefundener Coin einen alten ersetzt. Mint, die ihre Wurzeln im Magiekönigreich East Heaven hat, wird im Spielverlauf immer neuere Zauberarten erlernen und auch effektiv anwenden können. Derer gibt es insgesamt sieben: Blaue, weiße, rote, grüne, schwarze, gelbe sowie goldene Magie. Um von den Fähigkeiten Gebrauch machen zu können, wird ein bestimmtes Maß an Zauberenergie (MP) vorausgesetzt. Die aktuelle MP steigt automatisch, indem man Gegner erfolgreich attackiert, was den Gebrauch von Äther-ähnlichen Items überflüssig macht. Die maximalen MP steigen automatisch mit den gewonnenen Erfahrungspunkten. Gleichermaßen verhält es sich mit den Vitalwerten (HP). Alternativ kann man auch Gegenstände kaufen, die bestimmte Basiswerte erhöhen.


Die Grafik des Spiels ist für PlayStation Verhältnisse relativ gut. Die Charaktere bestehen zwar aus recht wenigen Polygonen, jedoch wird dies durch das liebevolle Design schnell nebensächlich. Der größte Teil der Umgebungen ist sehr detailliert dargestellt und eine wahre Augenweide für RPG-Fans. Lediglich die Szenen unter freiem Himmel sehen etwas vernachlässigt aus, da dort teilweise das penetrant-monotone Himmelblau die Atmosphäre trübt. Der Soundtrack ist fast immer der Situation angemessen, wenn auch manchmal etwas nervig (etwa Mels Atelier). Die meisten Songs sind sehr einprägsam und laufen somit Gefahr, schnell vom Spieler tot gehört zu werden.


Ein Manko stellt die kurze Spielzeit dar, bei der man mit 15 Stunden wirklich nicht der Schnellste ist. Allerdings bleibt einem die Möglichkeit, das Spiel mit dem anderen Charakter zu starten, worin sich eine leicht unterschiedliche Story offenbart. Die Schauplätze sind auch sehr begrenzt, und lassen sich an zwei Händen abzählen. Die einzige Stadt, die man in Threads of Fate betritt, ist Carona, von der aus man seine nächsten Aktionen plant, und man zu vorhergehenden Dungeons zurückkehren kann. Weiterhin existiert auch kein klassisches Level-Up System, wie bei Final Fantasy der Fall. Man erhält zwar für jedes erlegte Monster Erfahrungspunkte, jedoch steigen die HP und MP-Werte mit der Zeit, ohne dass der Spieler davon sonderlich Notiz nimmt. Die zu kaufenden Gegenstände sind auch sehr begrenzt, und im Falle von Waffen oder Rüstungen werden diese automatisch angelegt und man ist selbst nicht in der Lage, das Equipment zu tauschen. Das Spielprinzip folgt dem eines Action-RPGs. Die Kämpfe finden in Echtzeit statt, sind aber nicht besonders herausfordernd. Bis auf ein paar wenige Bossgegner sollte man auf keine größeren Schwierigkeiten im Spiel treffen. Im Falle eines Game Overs hat man nahezu unendlich viel Continues. Geldprobleme dürfte man auch nicht so schnell haben, da jeder erlegte Gegner in der Stadt gegen ein Bündel Bares eingetauscht werden kann.


Trotz der recht kindlichen Grafik, der linearen Handlung und dem einfachen Spielprinzip, brachte Threads of Fate frischen Wind ins RPG Genre. Die gut durchdachten Dialoge, die abwechslungsreich gestalteten Level, sowie das geniale Gameplay sollten Threads of Fate schon fast zu einem Pflichtkauf machen. Neben der ursprünglichen PlayStation Fassung gibt es das Spiel mittlerweile auch als PSOne Classic Download - beide Versionen allerdings nur für den US-Markt. Ein für fortgeschrittene Rollenspieler sehr leicht zu durchschauendes, aber dennoch gutes Action-RPG, welches zwar keine Referenz darstellt, jedoch durchaus in der Lage ist, einige vergnügliche Stunden zu bereiten.

beigetragen von kyotoben

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