13. Januar 2018

Scarlet Blade

Für Computerspiel Archivare und Retro Journalisten sind reine Online-Spiele bestenfalls eine Kuriosität, im schlimmsten Fall ein Dorn in Auge. Während man Jahrzehnte alte Spiele auch heute noch in physischer Form oder als digitale Sicherung entdecken und zocken kann, sind Online Spiele unmöglich zu erreichen, sobald deren Server abgeschaltet wurden. In einer idealen Welt sollten die Hersteller den Code frei zur Verfügung stellen, nachdem die Server eingestellt wurden. In der Praxis gestaltet sich das jedoch schwierig, da oft verschiedene Rechteinhaber involviert sind, und die meisten Publisher und Entwickler aufgrund des hohen Wettbewerbdrucks meist andere Prioritäten haben als die Interessen der Nachwelt. So ist es in der Regel einfacher, die Online Spiele ins firmeninterne Regal zu stellen, nachdem sie ihren Dienst getan haben.

Das einzige, das von Online-Spielen für die Öffentlichkeit übrig bleibt, sind Berichte derjenigen, die dabei waren, als der Stern noch geleuchtet hat. Was mich betrifft war ich Zeitzeuge von einem vermutlich nicht gerade ruhmreichen Kapitel in der Geschichte des Online Gamings: Im Rahmen eines Advertorials habe ich das freizuügige MMORPG Scarlet Blade bespielt und beschrieben (ich war jung und brauchte das Geld). Trotzdem war ich ziemlich zufrieden mit meinem Bericht, der inhaltlich glücklicherweise nicht von meinem Auftraggeber beschnitten worden ist (denken wir mal besser nicht darüber nach, was es über meine Schreibe aussagt, wenn einer meiner liebsten Texte von halbnackten virtuellen Frauen handelt). Nachfolgend gibt es - natürlich rein im Interesse der Menschheitsgeschichte - eine Rückschau zu Scarlet Blade, das 2013 online gegangen und 2016 endgültig abgeschaltet worden ist.


Nach einer Alieninvasion und einem tobenden Virus ist nicht mehr viel von der Menschheit übrig. Das, was noch von ihr übrig blieb, wurde in eine Arche verfrachtet, um in der Zukunft einen Neuanfang wagen zu können. Zum Schutz der wieder aufkeimenden Menschheit wurden auf Klonen basierende Supersoldaten, sogenannte Arkana, erschaffen. Da sich Männer weitaus weniger dafür geeignet haben als Frauen sind Arkana ausschließlich weiblich. Viele kostenlose MMORPGs locken Spieler mit aufreizenden Anzeigen, doch kaum startet man das Spiel ist von der verhießenen Blöße kaum noch etwas zu sehen. Nicht so Scarlet Blade, das mit halbnackten Cyberamazonen warb und einen auch tatsächlich in die Haut einer solchen schlüpfen ließ. Mit diesen Damen war allerdings nicht zu spaßen: Abgesehen von ihren furchterregenden Waffen konnten sie eine mysteriöse Energie namens Chakra einsetzen und sich damit in riesige Kampfmaschinen verwandeln.


Zu Beginn des Spiels konnte man sich für eine von zwei Fraktionen entscheiden, und anschließend eine der sechs Klassen - Defender, Medic, Punisher, Sentinel, Shadow Walker oder Whipper wählen. Im folgenden Bildschirm durften dann äußerliche Merkmale wie Gesichtsform, Augenfarbe und Outfit des ausschließlich weiblichen Charakters nach Belieben eingestellt werden. Der Körperbau hing dabei an der jeweiligen Klasse. Wem bodenständige Maße gefallen konnte etwa zur Sentinel greifen, für überproportionierte Kurven waren hingegen so ziemlich alle anderen Klassen zuständig. Den Einstieg in das Spiel begleitete ein kurzes, schmerzloses Tutorial. Die Steuerung war schnell zu erlernen: Laufen mit WASD, Umschauen mit der Maus, Quickslot-Tasten für Aktionen und Menüaufrufe über Shortcuts. Praktisch war der Autorun und die Möglichkeit, auf Namen im Questlog zu klicken und daraufhin automatisch auf den entsprechenden NPC, Gegner oder Questgeber zuzulaufen.


Die Quests waren kurzweilig und wurden von unterhaltsamen Dialogen begleitet, die sich nicht allzu ernst nahmen. So kommentierte eure Arkana ironisch den Fakt, dass man ihr als befehlshabender Commander dabei zusieht, wie sie im Badeanzug Reparaturdrohnen verkloppt, oder dass die Biester in der Umgebung nicht die einzigen Wesen sind, die sie hungrig betrachten. Quests konnten, mussten aber nicht allein bestritten werden. Man konnte sich auch genretypisch mit anderen Spielern zu Partys oder Gilden zusammenschließen und das Spiel gemeinsam angehen. Dungeons waren im Solo- oder Teammodus bestreitbar. Wem das Abgrasen von Questzielen zu gemütlich war, hatte ab Level 15 auch die Möglichkeit, sich in einer PvP Arena mit 35 vs. 35 gegen andere auszutoben (später waren sogar 80 gegen 80 möglich).


Als Belohnung für abgeschlossene Quests winkten Erfahrungspunkte, Gegenstände und Skillpunkte. Mit den Skillpunkten ließen sich Fähigkeiten lernen oder verbessern. Daneben gab es auch Gegenstände, deren Benutzung euch einen Skill beibrachte. Neben kampfrelevanten Fähigkeiten existierten auch noch soziale Skills wie Begrüßungsgesten. Einige davon wie etwa Hinsetzen hatten sogar bestimmte Effekte wie beschleunigte Regenerierung. Gefundene Gegenstände konnten auf drei Arten weiterverarbeitet werden: Bei der Synthese ließen sich mehrere Gegenstände zu einem neuen kombinieren. Beim Enhancement konnte ein Gegenstand mit anderen Gegenständen erweitert werden, um ihm deren Eigenschaften zu verleihen. Daneben gab es noch das Grafting, mit dem man einem Gegenstand das Aussehen eines anderen verleihen kann, wenn man etwa ein prüdes Outfit mit guten Statuswerten optisch lieber etwas knapper gestalten möchte.


Mit steigendem Level wurde nicht nur eure Arkana mächtiger, sondern auch nach und nach weitere Features freigeschaltet. Eines davon war direkt an den Charakterlevel gekoppelt: Die Puzzles. Mosaik-Bilder, deren Kacheln man beim Erreichen von bestimmten Leveln freimachen kann. So schaltete man sich Stück für Stück ein sexy Artwork frei, und bekam am Ende noch eine weitere Belohnung in Form von Gegenständen oder Erfahrungs- und Skillpunkten. Abgesehen vom Charakter gab es auch noch Pets, kleine niedliche Roboter, die sich als Begleiter beschwören ließen. Auch sie konnten ausgebaut werden, indem man sie füttert, auflevelt und ihnen Skills beibringt. Zusätzlich kommentierten sie auf witzige Weise das Spielgeschehen, indem sie etwa eure Arkana fragen, ob sie je über das Tragen von Hosen nachgedacht hätte.


Das Spielgeschehen wurde in einer Grafik präsentiert, die sich damals sehen lassen konnte: Die postapokalyptische Welt bot trotz (oder gerade wegen) des Niedergangs der Menschheit prachtvolle Landschaften mit schönen Wettereffekten, und cooles Endzeitzeug wie rostige Autowracks, zerstörte Straßen und Slums aus Wellblechhütten. Bevölkert wurde die Welt von vielen verschiedenen Arten von Gegnern wie Mutanten, Bestien und Kampfmaschinen. Das optische Alleinstellungsmerkmal schlechthin von Scarlet Blade war natürlich die allgegenwärtige Weiblichkeit. Sämtliche Spielercharaktere sind feminin, ebenso ein Großteil der NPCs. Beim Startbildschirm wurde man von einem nackten Cyber-Pin-Up begrüßt, und selbst die Warenautomaten zierten ein Motiv mit Panty-Shot. Dass man nur weibliche Charaktere spielte hatte auch interessante Einflüsse auf die Immersion: Wenn das Geschlecht des Charakters nicht dem eigenen entspricht, nach welchen Maßgaben erstellt man ihn dann? Bastelt man sich seine “Traumfrau” zusammen oder sich selbst, wie man eventuell als Frau aussehen könnte? Die Spielernamen waren durch die Bank weg weiblich und brachen selten mit der Immersion. Und so dachte man sich auch schonmal “das war mein Mob, du Schlampe!”, wenn einem ein Gegner vor der Nase weggeschnappt wird, auch wenn der andere Spieler mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst männlich war.


Scarlet Blade war komplett kostenlos spielbar und enthielt einen übersichtlich gestalteten In-Game-Shop, in dem man sich für echtes Geld Premium Gegenstände kaufen konnte. Die Palette reichte dabei von Spieloptimierern wie Boostern und Inventarerweiterungen über Luxus-Versionen von Pets und Hoverbikes bis hin zu Fanservice wie dem Lingerie Unsealer und knappen Schuluniformen. Preislich bewegte sich dabei das meiste in humanen Maßen. Booster und knappe Outfits waren für umgerechnet ein bis zwei Euro zu haben, Pets für um die zehn, und wer die Unterwäsche seiner Arkana loswerden wollte musste dafür einmalig etwa fünfzehn Euro investieren (neue Premium-Unterwäsche kostete dagegen meist um die zwei Euro). Man konnte Scarlet Blade aber auch ohne Probleme spielen, wenn man kein Geld dafür ausgeben wollte.


Scarlet Blade lockte mit viel Weiblichkeit, und wer Spiele mit nackter Haut und wogenden Brüsten mag wurde hier voll bedient. Das war aber nicht alles, was Scarlet Blade zu bieten hatte: Unter der sexy Oberfläche fand man ein vollwertiges und spaßiges MMORPG, das grafisch überzeugte und sich komplett kostenlos spielen ließ. Zumindest, bis es aufgrund technischer Schwierigkeiten beim Aufspielen von Patches eingestellt wurde.