22. März 2018

Shining in the Darkness

Die westliche Version - Disney lässt grüßen.

Die Shining Reihe war vor allem in den 90ern ein beliebter Lieferant von Rollenspielen, deren jeweiliges Subgenre sich gerne von Titel zu Titel änderte. Ihren Ursprung markiert der 1991 für das Sega Mega Drive veröffentlichte Dungeon Crawler Shining in the Darkness. Entsprechend dem damaligen Zeitgeist, in dem Anime-Artwork im Westen noch als uncool galt, ist die Box mit Illustrationen versehen, die aus einem Disney-Cartoon stammen könnten.

Das originale Boxart - Leider zu japanisch für 1991

Das Spiel versetzt uns in das Königreich von Thornwood, einem im Grunde idyllischen Fleckchen, wenn bloß nicht das blöde verfluchte Labyrinth gegenüber wäre. Dort ist nicht nur der Vater unseres Hauptcharakters vor langer Zeit verschwunden, kürzlich wurde zu allem Überfluss auch noch die hiesige Prinzessin dahin verschleppt. Der König sendet sofort seine Ritter aus, von denen allerdings auch keiner mehr zurückkommt. So ist es an unserem jungen Recken, in das monsterverseuchte Verlies zu ziehen, da sonst niemand mehr übrig ist, der ein Schwert gerade halten kann. Zu Beginn sind wir allein unterwegs, bald gesellen sich mit dem Priester Milo und der Magiern Pyra treue Gefährten dazu.

Das Städtchen Thornwood. Im örtlichen Schrein wird gespeichert.

Shining in the Darkness bietet klassisches Dungeon Crawling, wie es im Buche steht: Man durchkämmt das verwinkelte Labyrinth, schnetzelt sich rundenbasiert durch zufällig auftauchende Monsterhorden, und versucht, die zahlreichen Fallen zu umgehen und an wertvolle Schatztruhen zu gelangen. In der Stadt lässt sich die gefundene Beute verhökern, neue Ausrüstung kaufen und mit der hiesigen Bevölkerung schnacken. Typisch für japanische Konsolen-Rollenspiele finden wir auch hier zahlreiche Vereinfachungen gegenüber westlichen Vorbildern wie Wizardry. So sucht man Features wie Charaktererstellung, Klassenupgrades oder Fallen Entschärfung vergeblich, was Shining in the Darkness aber natürlich wesentlich zugänglicher macht.

Ins Labyrinth hat sich allerlei Ungetier eingeschlichen.

Dass das Spiel aus heutiger Sicht trotzdem eher sperrig daher kommt liegt daran, dass es in vielen Bereichen nicht gut gealtert ist: Das Navigieren im Labyrinth ist mühselig, da sich die Karte nur über verbrauchbare Gegenstände, die das begrenzte Inventar rasch sprengen, und einen Zauberspruch aufrufen lässt, und im Grunde genommen nur aufzeichnet, wo man bereits lang gelaufen ist. Man sieht allerdings weder Schatztruhen noch andere interessante Stellen, nicht einmal, wo die Wände verlaufen, sodass man kaum nachvollziehen kann, wo es weitergeht und wo nicht. Entsprechend führt kein Weg daran vorbei, sich entweder eine eigene Karte anzufertigen, oder eine fertige aus dem Netz zu ziehen.

Die Automap: Nett, aber nutzlos.

Die rundenbasierten Kämpfe gehen relativ simpel und flott vonstatten, die Rate der Zufallsbegegnungen nervt allerdings schnell. Phasenweise läuft man einen Schritt nach einem Kampf direkt in den nächsten. Ebenfalls störend ist, dass selbst das bloße Umdrehen bereits Gegner herbeilocken kann. Wenig Spaß macht auch das Einkaufen in der Stadt. Während die allgemeine Menüführung im Spiel dank intuitiven Icon-System recht angenehm ist, fehlen bei den Händlern Informationen darüber, welcher Gegenstand welchen Effekt hat und von wem getragen werden kann. Die grundlegende Ausrüstung ist immerhin in der Anleitung beschrieben, für alles andere muss man entweder online nachsehen oder nach dem Versuch-Irrtum Schema vorgehen. Zwar gibt es einen Zauberspruch, der nähere Informationen über Gegenstände anzeigt, allerdings funktioniert er nur, wenn man das entsprechende Objekt bereits in den Händen halt.

In unangenehmer Gesellschaft.

Zusammengenommen trüben all diese Wehwehchen den Spielspaß enorm, was ziemlich schade ist, da das Grundprinzip, immer weiter ins Verlies vorzudringen und seine Heldentruppe immer mächtiger werden zu lassen, im Grunde recht launig ist. Zum Glück befand sich in meiner gebraucht erworbenen Schachtel eine herausgetrennte Komplettlösung samt Karten aus der Gamers 1/1993, ohne die ich es vermutlich nie bis zum Abspann geschafft hätte.

Mein Rettungsanker: Die Lösung aus der Gamers.

Während man Shining in the Darkness ein Vierteljahrhundert nach seiner Veröffentlichung nur mit Lösung und falls möglich mit Emulator Features wie Savestates und Fast Forward gerade so spielen kann, ist seine Technik erstaunlicherweise gut gealtert. In einer Zeit, in der auf dem Super Nintendo immer noch die Futzelsprites aus der 8-Bit Ära dominierten, nutzen die Entwickler das Dungeon Crawler Genre raffiniert aus, um eine hübsche Grafik auf den Schirm zu zaubern. Durch das Verlies bewegen wir uns in Ego-Perspektive, was dank verblüffendem Pseudo-3D Effekt glaubhaft rüberkommt. Jeder Schritt lässt den Korridor butterweich näherkommen, und selbst wenn man sich umdreht wird einem die Räumlichkeit des Geschehens gekonnt vorgegaukelt. Einziges Zugeständnis ist das verkleinerte Bild, das zur Darstellung verwendet wird, vermutlich aus Gründen der Performance. Detaillierte Gegner-Sprites sind zum Glück trotzdem noch drin.

Man weiß nie, was in einer vermeintlich harmlosen Pfütze lauert.

In der königlichen Burg und der Stadt gibt es eine Art Panorama Ansicht, in der man Charaktere und Gebäude durch horizontales Scrollen ins Sichtfeld bewegt und ansprechen beziehungsweise betreten kann. Auch diese Darstellung ermöglicht mehr Feinheiten bei den Hintergründen und größere Sprites als die damals übliche Vogelperspektive. Die liebevoll gestaltete Optik von Shining in the Darkness ist auch nach all den Jahren sehenswert und hilft enorm dabei, den Spieler im Mikrokosmos von Thornwood versinken zu lassen. Abgerundet wird die Präsentation vom Soundtrack, der die für alte Sega Abenteuerspiele typische Atmosphäre aufkommen lässt.

Mutige Helden sind auch ein lukratives Geschäft.

Shining in the Darkness ist historisch gesehen vor allem als erster Teil der Shining Reihe interessant, daneben auch als eines der frühen Exemplare der 16-Bit Konsolen-Rollenspiele. Wer sich heute noch mal ans Spiel ranwagt, bekommt eine für 1991 erstaunlich gute Grafik mit schönem Sound geboten, die der charmanten Spielwelt mehr als gerecht wird. Das Gameplay hingegen ist schlecht gealtert und erzeugt teilweise mehr Arbeit als Spielspaß. Doch unter all den Widrigkeiten strahlt Shining in the Darkness eine 16-Bit Magie aus, die man sich vielleicht als Retrointeressierter nicht entgehen lassen will.