Mystic Quest Legend

Mystic Quest Legend

Im Jahr 1993 erschien mit Mystic Quest Legend von Squaresoft ein völlig neuartiges Erlebnis für das Super Nintendo: Ein Rollenspiel! Doch was soll das eigentlich genau sein?

Diese Frage versucht das Club Nintendo Magazin in der Ausgabe 3 vom Juni 1993 zu beantworten. Dort wird das Spiel vorgestellt, sowie grundlegende Konzepte wie “Party”, “Hitpoints” und rundenbasierte Kämpfe erläutert. Rollenspiele waren zu der Zeit natürlich allgemein nichts Neues, aber gerade in Europa auf Konsolen relativ selten. Auf Nintendo Systemen gab es an traditionellen Rollenspielen vor 1993 nur Sword of Hope für den Game Boy, auf dem Super Nintendo mit Drakkhen und Dungeon Master zwei Heimcomputer Portierungen. Im gleichen Jahr wie Mystic Quest Legend kam noch der NES Dungeon Crawler Swords and Serpents und das Game Boy Action RPG Mystic Quest heraus.

Rollenspiel? Ja, bitte! (Auszug aus dem Club Nintendo Magazin 3/1993)

Rollenspiel? Ja, bitte! (Auszug aus dem Club Nintendo Magazin 3/1993)

Mystic Quest Legend war als vereinfachtes Rollenspiel konzipiert, um Neulingen das Genre näherzubringen: Die Party besteht aus maximal zwei Mitstreitern, Inventarverwaltung und Ökonomie wurden auf ein Minimum heruntergeschraubt, und das komplette Spiel ist nach einem Dutzend Stunden durchgespielt.

Aus meiner persönlichen Erfahrung hätte diese Art von Einführung sogar halbwegs Sinn ergeben: Ich hatte damals zwar durch spätere Action Rollenspiele wie Secret of Mana oder Terranigma das Konzept von Statuswerten und Leveln verinnerlicht. Als ich hingegen bei Lufia zum ersten Mal Kämpfe runden- und menübasiert austragen sollte, habe ich ganz schön blöd aus der Wäsche geguckt.

Die Monsternamen wurden liebevoll lokalisiert.

Die Monsternamen wurden liebevoll lokalisiert.

Ein Blick über den Tellerrand macht hingegen recht deutlich, wie überflüssig das Unterfangen eines Tutorial-Rollenspiels eigentlich war: Bereits vorher gab es von Sega auch in Europa mit den ersten beiden Phantasy Star Teilen gleich zwei für damalige Verhältnisse typisch knackige Konsolenrollenspiele. In den USA, in denen Mystic Quest Legend unter dem Namen Final Fantasy: Mystic Quest als Erstes erschien, gab es davor bereits den ersten und den vierten Final Fantasy Teil, sowie die ersten drei Dragon Quests.

Die extra Portion Absurdität an der Sache ist dann natürlich noch, dass japanische Konsolenrollenspiele ihre Wurzeln als vereinfachte Version westlicher Computerrollenspiele haben, und eine japanische Entwicklerfirma nun dem Westen anhand eines noch weiter vereinfachten Spiels erklären wollte, wie das Genre funktioniert.

Peak Nintendo Humor.

Peak Nintendo Humor.

Mystic Quest Legend stieß allein aufgrund seiner Intention bei europäischen Insidern auf Ablehnung, in den USA kam das Spiel bei Fans von Final Fantasy anscheinend auch nicht viel besser an, die sich ein weiteres Spiel wie Final Fantasy IV erhofft hatten. Die Hintergründe waren vielen Europäern damals aber vermutlich gar nicht bekannt, ebenso wenig wie die Tatsache, dass Mystic Quest Legend ein Spin-off der Final Fantasy Reihe war, die es zu der Zeit offiziell nur in Japan und den USA gab. Da Mystic Quest Legend das erste japanische Konsolenrollenspiel für das Super Nintendo in Europa war, im Grunde ganz nett gemacht war und einen eingängigen Soundtrack hatte, gibt es aber durchaus auch Menschen, die nostalgische Gefühle für das Spiel hegen.

Wie schlägt sich das Spiel aus heutiger Sicht? Ironischerweise sorgen einige Elemente, die das Spielerlebnis leichter machen sollten, dafür, dass Mystic Quest Legend in einigen Aspekten besser gealtert ist als seine beliebteren Genre-Vertreter. 16-Bit Rollenspiele bedeuten in der Regel, von einem Zufallskampf in den nächsten verwickelt zu werden und es irgendwie bis zum nächsten Speicherpunkt zu schaffen. Mystic Quest Legend hatte dagegen bereits jederzeit sichtbare Gegner und die Möglichkeit, überall abzuspeichern.

Das verwinkelte Eislabyrinth.

Das verwinkelte Eislabyrinth.

Überraschenderweise bietet Mystic Quest Legend im Grunde nur so wenig Herausforderung, weil sich immer abspeichern lässt, und verlorene Kämpfe direkt wiederholt werden können. Tatsächlich können Gegner und Bosse der Party ordentlich zu schaffen machen. Bei nur zwei Partymitgliedern können schon mal schnell die Lichter ausgehen, wenn sie mit Statusveränderungen wie Versteinerung oder Verwirrung belegt, oder durch schwere Spezialattacken niedergestreckt werden. Mir ist es sogar passiert, dass ich den allerersten Kampf mehrmals verloren habe, weil mir der Zufallsgenerator nicht zugeneigt war.

Weitere vermeintliche Vereinfachungen machen das Spiel sogar schwerer: Standardmäßig wird das handlungsbedingt wechselnde zweite Partymitglied vom Computer gesteuert, und das natürlich nicht unbedingt immer sehr intelligent, was es schwierig macht, die Aktionen im Kampf zu koordinieren. Zum Glück lässt sich das auf manuell stellen. Ebenso kann die für Rollenspiele ungewohnte Darstellung der Hitpoints mit Balken durch die üblicheren Zahlen ersetzt werden.

Im Feld lauern unangenehme Gesellen.

Im Feld lauern unangenehme Gesellen.

Mystic Quest Legend ist also nicht hoffnungslos veraltet, und es spielt sich auch nicht unbedingt von selbst durch. Doch was bietet es sonst noch? Die Antwort ist leider immer noch: Nicht viel. Die seichte Handlung über die Suche nach magischen Kristallen macht nicht viel her, was nicht so schlimm wäre, wenn das Gameplay wenigstens motivierend wäre.

Das Problem an Mystic Quest Legend ist, dass es die Idee eines Rollenspiels auf ein minimales Grundgerüst herunter schrumpft. Auf ein zu Minimales. Doch das, was ein Rollenspiel ausmacht, ist eben nicht nur das bloße Vorhandensein von Statuswerten, rundenbasierten Kämpfen und Gesprächen allein. Es sind dann doch weitere Aspekte wie Entscheidungsfreiheit, eine spannende Geschichte, eine interessante Spielwelt, oder ein ausgefuchstes Magiesystem, die für ein fesselndes Erlebnis sorgen.

Vor dem Bosskampf gegen Medusa nochmal die Aussicht genießen.

Vor dem Bosskampf gegen Medusa nochmal die Aussicht genießen.

Doch einfach nur ein Monster nach dem nächsten zu verdreschen, ab und zu ein simples Schalterrätsel lösen und hin und wieder mit einer Schlüsselfigur zu sprechen, lässt in Mystic Quest Legend schnell Langeweile aufkommen, da es darüber hinaus nichts Involvierendes zu tun oder erleben gibt. Selbst in archaischen 8-Bit Rollenspielen wird durch den Schwierigkeitsgrad und die Notwendigkeit von geschickter Verwaltung von Ressourcen eine gewisse Spannung aufrecht erhalten. Nicht einmal das belohnende Gefühl, wieder lebend aus einem Verlies zu kommen, und genug Geld gesammelt zu haben, um beim örtlichen Waffenhändler endlich die ersehnte stärkere Ausrüstung kaufen, kann Mystic Quest Legend anbieten.

Leichtherzige Abenteuerspiele haben natürlich auch ihre Daseinsberechtigung. Nicht jedes Rollenspiel muss hochdramatisch oder mit komplexen Spielmechaniken gespickt sein. Aber selbst als entspannte Spielerfahrung für zwischendurch bietet mir Mystic Quest Legend zu wenig, es ist leider auch heute kein verborgenes Juwel.